Unternehmen müssen Klimakämpfer sein

1982 begann ich meine berufliche Laufbahn, als ich im Alter von 15 Jahren eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker anfing. Damals ging es um sauren Regen und die Ozonschicht. Die Begriffe „globale Erwärmung“ und „Klimawandel“ tauchten gerade erst auf dem öffentlichen Radar auf. Die erste COP-Klimakonferenz (Berlin, 1995) war noch einige Jahre entfernt.

Spulen wir vor ins Jahr 2023. In der Zeit, die ich gebraucht habe, um vom Auszubildenden zum CEO eines weltweit führenden Unternehmens im Bereich Energiemanagement und Automatisierung zu werden, sind diese frühen Hinweise auf die globale Erwärmung zu einer regelrechten Klimakrise angeschwollen. Aufeinanderfolgende COPs (Nummer 28 fand soeben statt) haben zu ehrgeizigen Dekarbonisierungszielen und politischen Initiativen auf der ganzen Welt geführt.

Aber Regierungen können nicht alles allein schaffen. Der Unternehmenssektor muss Teil des Handelns sein, und es gibt noch viel mehr, was Unternehmen tun können, um uns schneller in Richtung Netto-Null-Emissionen zu bringen.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Geschäftswelt trotz – oder gerade wegen – der geopolitischen, wirtschaftlichen und energiewirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre zunehmend für Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung einsetzt.

Bisher haben sich weltweit rund 3.900 Unternehmen Emissionsreduktionsziele gesetzt, die von der Science Based Targets Initiative (SBTi) validiert wurden. Und laut Net Zero Tracker hatten 929 der 2.000 größten börsennotierten Unternehmen der Welt Mitte 2023 Netto-Null-Verpflichtungen. Das sind mehr als doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor.

Aber viele Unternehmen haben sich noch keine Dekarbonisierungsziele gesetzt oder nicht so viel unternommen, wie sie eigentlich könnten.

Warum ist das so? Ich glaube, dass die Verzögerung zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass das Bewusstsein für die Lösungen, die uns allen zur Verfügung stehen, immer noch unzureichend ist und die Vorteile von Maßnahmen nicht ausreichend bekannt sind.

Die Rolle von Energieeffizienz auf dem Weg zu Netto-Null

Irrtum Nummer eins ist, dass es bei der Dekarbonisierung ausschließlich darum geht, die Nutzung von Solar-, Wind- und Gezeitenenergie zu erhöhen. Genauso wichtig wie die Bereitstellung von mehr sauberer, erneuerbarer Energie ist es jedoch, die Nachfrageseite anzugehen und den Energieverbrauch zu optimieren. Und obwohl die Energieeffizienz allmählich mehr Aufmerksamkeit erhält,  wird die Rolle, die sie auf dem Weg zu Netto-Null spielt, oft übersehen und unterschätzt.

Und dass, obwohl es bereits viele leistungsstarke Lösungen für die Energieeffizienz gibt. Automatisierungssoftware, die beispielsweise Prozesse und den Energieverbrauch in Industrieanlagen und Wertschöpfungsketten optimiert. Oder digital gestützte Heiz- und Kühlsysteme, die Energieverschwendung in Wohn- und Geschäftsgebäuden erkennen und reduzieren. Und elektrische Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge, die sauberer und weitaus energieeffizienter sind als fossile Technologien.

ROI und Rendite größer als gedacht

Der zweite Irrglaube ist, dass solche Technologien nicht besonders effektiv sind und dass sie eine geringe Rendite abwerfen. Tatsächlich ist die gute Nachricht, dass sowohl die Effektivität als auch der ROI oft größer sind, als viele annehmen.

Nehmen wir die Ergebnisse einer Studie, die wir mit dem globalen Planungs- und Beratungsunternehmen WSP durchgeführt haben. Diese zeigten, dass die Installation digitaler Gebäude- und Energiemanagementlösungen in bestehenden Bürogebäuden deren betriebliche Kohlenstoffemissionen um bis zu 42% senken kann und dass bei einer Amortisationszeit von weniger als drei Jahren. Darüber hinaus kann durch den Ersatz von mit fossilen Brennstoffen betriebenen Heiztechnologien durch elektrisch betriebene Alternativen und die Installation eines Microgrids mit lokalen erneuerbaren Energiequellen eine zusätzliche Reduzierung der betrieblichen Kohlenstoffemissionen um 28 % erreicht werden.

Der Unternehmenssektor muss mehr tun

Ja, politisches Handeln ist der Schlüssel, um Rahmenbedingungen und Anreize für Maßnahmen zu schaffen. Und die Alliance of CEO Climate Leaders forderte kürzlich, dass mehr getan werden müsse, um unter anderem die Genehmigungsverfahren zu rationalisieren, die Standards für die Offenlegung von Klimadaten zu harmonisieren und Subventionen für fossile Brennstoffe auslaufen zu lassen.

Aber anstatt darauf zu warten, dass sich das politische Umfeld weiter verbessert, kann und muss der Unternehmenssektor jetzt mehr tun, und zwar schneller.

Auch Unternehmen, die nicht direkt an der Entwicklung und dem Verkauf von Dekarbonisierungs- und Klimalösungen beteiligt sind, können Emissionen und Rohstoffverbrauch sowohl im eigenen Betrieb  als auch in ihren Liefer- und Vertriebsketten reduzieren.

Sie können einen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten, indem sie Forschungsergebnisse und Fachwissen austauschen. Sie können Kommunen durch Corporate-Citizenship-Programme oder durch Schulungsinitiativen unterstützen, die den Fachkräftemangel in den Bereichen Digitalisierung, Elektrifizierung und saubere Energie angehen, insbesondere in abgelegenen oder unterentwickelten Teilen der Welt, um sicherzustellen, dass die Energiewende fair und inklusiv ist.

Und sie können den kaufmännischen Scharfsinn und das Marketing-Know-how (und manchmal auch Startkapital oder finanzielle Unterstützung) bereitstellen, die erforderlich sind, um Innovationen vom Reißbrett zur Verwirklichung und Markteinführung zu bringen.

All dies erfordert Anstrengungen und finanzielles Engagement. Es ist jedoch an der Zeit, ganzheitliches, kooperatives und vielfältiges unternehmerisches Handeln für Nachhaltigkeit nicht nur als eine von Regulierungsbehörden auferlegte Pflicht, sondern als Geschäfts- und Arbeitsplatzschaffungsmöglichkeit anzuerkennen, die Emissionen und Kosten schneller senken kann, als vielen bewusst ist.

Glauben Sie einem ehemaligen Auszubildenden, der zum Software-Ingenieur und schließlich zum CEO eines Unternehmens wurde: Elektrifizierung, Digitalisierung, Automatisierung und andere Technologien stehen uns heute in Hülle und Fülle zur Verfügung. Es gibt sowohl moralische als auch geschäftliche Gründe, sie in viel größerem Maßstab und Tempo einzusetzen, die Kosten der Untätigkeit wären letztendlich viel höher als die Kosten des Handelns!

Über den Autor

Autorenprofil

Peter Herweck
Chief Executive Officer

Peter Herweck ist seit Mai 2023 Chief Executive Officer (CEO) von Schneider Electric. Zuvor war er CEO des Industriesoftwarekonzerns AVEVA.

Seine Laufbahn bei Schneider Electric startete Peter Herweck 2016. In dem Jahr kam er als Executive Vice President Industrial Automation und Mitglied des Executive Committee zu dem französischen Unternehmen. Im Jahr 2018 leitete er die Fusion von Schneider Electrics Industriesoftwaregeschäft mit AVEVA.

Peter Herweck begann seine Karriere als Software-Entwicklungsingenieur bei Mitsubishi in Japan. Mitte der 1990 Jahre wechselte er zu Siemens, wo er verschiedene Führungspositionen übernahm, zuletzt als Chief Strategy Officer. Zu Peter Herwecks Werdegang zählen zudem Aufenthalte in leitender Position in aller Welt, etwa den USA, Japan, China und mehreren europäischen Ländern.

Peter Herweck hat einen MBA der Wake Forest University School of Business und Abschlüsse im Fach Elektrotechnik von der Universität Metz (Frankreich) sowie der Universität des Saarlandes. Außerdem ist er Absolvent des Advanced Management Programms der Harvard Business School.

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