Dieser Beitrag erschien ursprünglich im englischsprachigen Schneider Electric Blog.
Während OEMs sich in der sich wandelnden europäischen Cybersecurity-Landschaft orientieren, rückt das Zusammenspiel zwischen Maschinenverordnung, Cyber Resilience Act (CRA) und NIS2 in den Mittelpunkt. Ist dieses Zusammenspiel verstanden, stellt sich schnell eine praktische Frage: Wie müssen sich Engineering-Teams und interne Prozesse weiterentwickeln, um diese Anforderungen zu unterstützen?

Bei vielen OEMs sind die Grundlagen bereits vorhanden. Cybersecurity wird in Design-Reviews berücksichtigt. Empfehlungen zur Systemhärtung werden umgesetzt. Software-Updates werden vor der Veröffentlichung getestet. Diese Aktivitäten sind nicht neu.
Was jedoch häufig fehlt, sind klare Strukturen, eindeutige Verantwortlichkeiten und durchgängige Nachvollziehbarkeit. Diese Lücke wirkt schnell wie eine zusätzliche Belastung in ohnehin engen Engineering-Zeitplänen. Doch das Ziel ist nicht, Maschinenbauer zu Cybersecurity-Unternehmen zu machen. Vielmehr geht es darum, bestehende Engineering-Disziplin sichtbar, wiederholbar und belegbar zu machen; insbesondere dann, wenn Kunden, Auditoren oder Behörden entsprechende Nachweise verlangen.
Wie sich das im Engineering-Alltag konkret darstellt
Der CRA verlangt von Herstellern, nachweisen zu können, dass Cybersecurity-Aspekte bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigt wurden, dass bekannte ausnutzbare Schwachstellen bei der Markteinführung nicht ignoriert wurden und dass ein klar definierter Ansatz für den Umgang mit Schwachstellen sowie für Sicherheitsupdates über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg existiert.
In der Praxis zeigt sich dabei häufig kein Mangel an Aktivitäten, sondern eher ein Mangel an strukturierter Informationsaufbereitung. Ein OEM verfügte beispielsweise bereits über etablierte Design-Reviews und Release-Tests. Doch die relevanten Cybersecurity-Nachweise waren über verschiedene Tools und Teams verteilt.
Statt den gesamten Prozess neu aufzusetzen, entwickelte das Team ein strukturiertes Cybersecurity-Nachweispaket für eine zentrale Maschinenfamilie. Dieses umfasste ein gepflegtes digitales Komponentenverzeichnis, eine kompakte Dokumentation sicherheitsrelevanter Designentscheidungen, etwa zur Sichtbarkeit von Schnittstellen oder zu Annahmen beim Remote-Zugriff sowie einen einfachen Workflow für den Umgang mit Schwachstellen mit klar benannten Verantwortlichen. Entscheidend war, dass diese Informationen direkt mit der technischen Dokumentation der Maschinenfamilie verknüpft wurden.
Keines dieser Elemente war grundsätzlich neu. Der Mehrwert entstand durch klare Struktur, Nachvollziehbarkeit und Wiederverwendbarkeit.
Nachdem dieser Ansatz einmal etabliert war, fiel es dem Team deutlich leichter, auf Anforderungen aus Maschinenverordnung, CRA oder NIS2 zu reagieren, ohne jedes Mal von Grund auf neu argumentieren zu müssen.
Warum Struktur für die CRA-Meldepflichten entscheidend ist
Der CRA bringt anspruchsvolle Meldefristen mit sich. Bei aktiv ausgenutzten Schwachstellen und schwerwiegenden Sicherheitsvorfällen müssen Hersteller innerhalb von 24 Stunden eine erste Meldung abgeben. Es folgt eine detailliertere Benachrichtigung innerhalb von 72 Stunden.
Genau aus diesem Grund beginnen viele OEMs, ihre Prozesse zu formalisieren. Wenn der Umgang mit Schwachstellen informell organisiert ist oder sich Verantwortlichkeiten über mehrere Teams verteilen, wird es schwierig, diese Fristen einzuhalten, insbesondere unter Zeitdruck, wenn Entscheidungen schnell und konsistent getroffen werden müssen.
Ein vollständig ausgereiftes System ist dabei nicht ab Tag eins erforderlich. Entscheidend ist, dass ein klar definierter Rahmen vorhanden ist.
Betrachtet im Kontext realer Maschinenumgebungen
Diese Herausforderungen sind keineswegs theoretisch. Ein HVAC-OEM, der Anlagen für Rechenzentren liefert, sieht sich heute häufig detaillierten Fragen zu Konnektivität, Update-Strategien, Komponentenverfolgung und Sicherheits-Supportzeiten gegenüber. Denn die Verfügbarkeit von Kühlung ist inzwischen geschäftskritisch.
Ein OEM im Verpackungsbereich, dessen Maschinen in diskrete Fertigungslinien integriert werden, stößt zunehmend auf Anforderungen in Bezug auf Zugriffskontrolle, Softwareversionen und Update-Governance, vor allem dann, wenn der Endkunde unter NIS2 fällt und darlegen muss, wie Cyberrisiken in der Lieferkette gesteuert werden.
In beiden Fällen verschiebt sich der Fokus schnell von der Frage „Ist es sicher?“ hin zu „Wie lässt sich das belegen?“
Eine realistische Einordnung
Schneider Electric befindet sich in derselben Transformation. Als Hersteller vernetzter Produkte richten wir unsere Produktlebenszyklen und die technische Dokumentation am CRA aus. Gleichzeitig berücksichtigen wir, wo relevant, NIS2-Anforderungen auf Unternehmensebene in Europa. Parallel dazu arbeiten wir eng mit OEMs zusammen und kennen die praktischen Rahmenbedingungen:
- Enge Engineering-Zeitpläne
- Hohe Variantenvielfalt von Produkten
- Lange Supportzeiträume
- Steigende Anforderungen seitens der Kunden
Klar ist: Cybersecurity, Sicherheit und Dokumentation können nicht länger unabhängig voneinander weiterentwickelt werden.
Ein pragmatischer Einstieg
Für viele OEMs lässt sich der aktuelle Status am besten mit „noch nicht“ oder „teilweise“ beschreiben. Entscheidend ist, eine belastbare Grundlage zu schaffen, entweder im Rahmen einer gezielten Initiative oder als erster Schritt einer umfassenderen Transformation.
Ein praktikabler Ansatz ist es, mit einem klar abgegrenzten Scope zu starten: eine Produktfamilie, eine Pilot-Dokumentation und ein interdisziplinäres Team. Schon wenige gezielte Maßnahmen können schnell Mehrwert bringen: klare Verantwortlichkeiten für Produkt-Cybersecurity festlegen, auch wenn diese Rolle zunächst nur in Teilzeit ausgeübt wird. Ein digitales Komponentenverzeichnis mit einfachem Änderungsmanagement etablieren.
Ergänzend dazu sollte ein schlanker Workflow für den Umgang mit Schwachstellen eingeführt werden, mit definierten Zuständigkeiten und dokumentierten Entscheidungen. Anschließend können diese Cybersecurity-Nachweise in die technische Dokumentation von ein oder zwei zentralen Maschinen integriert werden, bevor der Ansatz schrittweise ausgeweitet wird.
Diese Schritte sind bewusst pragmatisch gewählt, aber zugleich strategisch. Sie schaffen eine wiederverwendbare Grundlage, um Maschinenverordnung, CRA und NIS2 parallel zu adressieren und bilden gleichzeitig die Basis für weitergehende Transformationsprogramme.
Die zentrale Frage für OEMs
Es geht nicht darum, Maschinenverordnung, CRA und NIS2 als separate Compliance-Aufgaben zu behandeln. Ziel ist vielmehr ein durchgängiges Betriebsmodell, das alle drei Anforderungen gemeinsam unterstützt.
Die entscheidende Frage lautet daher: Sind Engineering-Praktiken, Dokumentation und interne Prozesse so aufgestellt, dass sie konsistent zeigen, wie funktionale Sicherheit, Cybersecurity und Lifecycle-Verantwortung zusammenhängen?
Für viele lautet die Antwort bislang „noch nicht“ oder „nur teilweise“. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit einem klar definierten Umfang zu starten, Transparenz und Nachvollziehbarkeit aufzubauen und auf dieser Basis Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.
Es geht dabei weniger um eine Reaktion auf Regulierung als vielmehr darum, die Entwicklung, Bereitstellung und den Betrieb von Maschinen in einer zunehmend vernetzten Welt nachhaltig zu stärken.
Erfahren Sie, wie die Schneider Electric Advisory Services Ihnen dabei helfen können, Ihre Ziele im Hinblick auf Cybersicherheitsvorschriften zu erreichen.
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